Berühr das, geh zu, steh auf
Eine Bodenübung, die dir zeigt, wie dein Pferd denkt, lernt und entscheidet
Manche Pferde gehen neugierig auf ein Ziel zu.
Andere bleiben stehen, zögern und schauen erst einmal.
Wieder andere berühren es kurz und wenden sich sofort wieder ab.
Und genau hier beginnt die eigentliche Aussage dieser Übung.
Denn es geht nicht nur darum, dass dein Pferd ein Ziel berührt.
Sondern wie es das tut.
Diese Übung macht sichtbar,
- wie dein Pferd Fokus aufbaut,
- wie es Entscheidungen trifft
- und wie es mit dir kommuniziert.
Nicht als Bewertung.
Sondern als Einladung, genauer hinzuschauen.
Die Übung auf einen Blick
Was du brauchst
✅ein klares, gut sichtbares Ziel zum Beispiel eine Matte, ein Schild oder ein Symbol
✅eine ruhige Umgebung
✅ Zeit ohne Eile oder Erwartungsdruck
Was dein Pferd dabei lernen kann
✅ein Ziel wahrzunehmen
✅sich darauf zu fokussieren
✅aktiv eine Handlung anzubieten
Was du dabei beobachten kannst
✅wie leicht oder schwer dein Pferd ins Tun kommt
✅ob es zögerlich, neugierig oder sehr zielstrebig reagiert
✅wie es mit neuen Aufgaben umgeht
✅wie viel Eigeninitiative es zeigt
Diese Beobachtungen sind oft aufschlussreicher als jede einzelne Übung.
Warum diese Übung so unterschiedlich wirkt
Die Übung selbst ist einfach.
Die Reaktionen der Pferde sind es nicht.
Manche Pferde lieben klare Aufgaben und gehen sofort nach vorn.
Andere brauchen erst Sicherheit, bevor sie sich einlassen.
Wieder andere verlieren schnell die Motivation, wenn der Sinn für sie nicht klar ist.
All das hat nichts mit richtig oder falsch zu tun.
Sondern mit Persönlichkeit.
Diese Übung zeigt dir nicht, ob dein Pferd etwas kann.
Sie zeigt dir, wie dein Pferd an Aufgaben herangeht.
Und genau das macht sie so wertvoll.
Die Übung Schritt für Schritt
1. Schritt - Das Ziel verständlich machen ("aufladen")
Dein Pferd soll zunächst lernen,
dass es ein bestimmtes Ziel mit der Schnauze berühren darf.
Wichtig ist dabei:
- Das Ziel ist gut erreichbar
- Es befindet sich zunächst immer an derselben Stelle
- Jede Berührung wird ruhig bestätigt (Kraul-Lob, Leckerli, etc.)
In dieser Phase geht es nicht um Präzision,
sondern um Verstehen.
Tipp: Gehe erst über zu Schritt 2, wenn dein Pferd in acht aufeinanderfolgenden Versuchen das Schild deutlich und ohne zu zögern berührt hat.
2. Schritt - Fokus festigen
Nun veränderst du langsam die Position des Ziels.
Mal etwas höher.
Mal etwas tiefer.
Mal rechts, mal links.
Dein Pferd lernt dabei, sich nicht an der Position zu orientieren, sondern am Ziel selbst.
Berührt es das Ziel zuverlässig, ist der Fokus aufgebaut.
3. Schritt - Distanz vergrößern
Jetzt vergrößerst du den Abstand.
- Das Ziel ist nicht mehr direkt vor der Nase, sondern ein Stück entfernt. (Mind. 1m entfernt)
- Dein Pferd muss sich aktiv auf den Weg machen, um es zu erreichen.
Hier zeigt sich oft, wie selbstständig dein Pferd denkt und wie klar es Entscheidungen trifft.
4. Schritt - Eigenständige Entscheidung zulassen
In dieser Phase hältst du dich bewusst zurück.
- Du gibst kein zusätzliches Körpersignal, keine Hilfe, kein Lenken.
- Dein Pferd darf selbst entscheiden:
- Gehe ich zum Ziel oder nicht?
Diese Phase ist besonders aussagekräftig.
5. Schritt - Unterschiedliche Symbole einführen
Jetzt kannst du beginnen, mit zwei unterschiedlichen Symbolen zu arbeiten.
Zum Beispiel:
- ein Kreis
- ein Quadrat
Zunächst lernt dein Pferd jedes Symbol einzeln kennen. (Tippe auf das Schild und sage deutlich den Cue z.B. „Kreis“.)
Erst danach werden beide gemeinsam angeboten.
Dein Pferd lernt, Unterschiede wahrzunehmen und zuzuordnen.
6. Schritt - Symbole unterscheiden
Nun überprüfst du, ob dein Pferd die Symbole wirklich unterscheiden kann.
- Du benennst ein Symbol laut und beobachtest, ob dein Pferd gezielt dieses auswählt.
Belohnt wird nur die passende Entscheidung.
7. Schritt - Symbole mit Abstand
- Dein Pferd steht nun mindestens einen Meter von den unterschiedlichen Schildern entfernt,
- Es reicht nicht mehr nur den Hals nach rechts oder links zu bewegen, sondern es muss einen aktiven Schritt auf das jeweilige Schild zugehen.
- Die Schilder hängen noch immer auf gleicher Höhe.
Überprüfe damit, ob dein Pferd, wenn du ein Stichwort sagst (entweder „Kreis“ oder „Quadrat“) es einen Schritt auf das Schild mit dem entsprechende Symbol zugeht und es mit seiner Schnauze berührt.
8. Schritt - Kontext prüfen
Überprüfe, ob dein Pferd den Unterschied zwischen den Symbolen „Kreis“ und „Quadrat“ unabhängig von der Position der Schilder und dem Kontext versteh.
Beispiel: Hing vorher links der „Kreis“ und recht das „Quadrat“, so tausche die Seiten. Oder hänge das Quadrat weiter nach ober und den Kreis weiter nach unten.
Verändere absichtlich die Positionen und teste, ob dein Pferd die Symbole auch wirklich verstanden hat.
9. Schritt - Handlung mit Symbol verknüpfen
Jetzt wird es spannend.
Ein Symbol steht zum Beispiel für:
- berühren
- aufsteigen
- stehen bleiben
Dein Pferd beginnt, Symbole mit konkreten Handlungen zu verbinden.
Hier wird Kommunikation sichtbar.
10. Schritt - Kontext verändern
Zum Schluss veränderst du bewusst den Kontext.
- Andere Höhe.
- Andere Seite.
- Andere Reihenfolge.
So kannst du überprüfen, ob dein Pferd das Prinzip verstanden hat oder nur eine Situation auswendig gelernt hat.
TIPPS
- Gehe erst dann zum nächsten Schritt, wenn dein Pferd im aktuellen Schritt ruhig, klar und ohne Zögern reagiert.
- Wenn du mal nicht weißt, was dein Pferd von dir will, sei kreativ und teste verschiedene Lösungs-Varianten. Pferde kommunizieren oft leise. Und sehr individuell.
Symbole erlernen - Hintergrundwissen
Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass Pferde in der Lage sind, zielgerichtet mit Menschen zu kommunizieren.
Untersuchungen von Forschenden wie Rachele Malavasi und Ludwig Huber belegen, dass Pferde sogenannte heterospezifische referentielle Kommunikation nutzen.
Vereinfacht gesagt bedeutet das:
Pferde können absichtlich Signale einsetzen, um Menschen auf etwas Bestimmtes aufmerksam zu machen.
In ihrer bahnbrechenden Studie („Evidence of heterospecific referential communication from domestic horses (Equus caballus) to humans”) haben die beiden zum ersten Mal festgestellt, dass Pferde zu heterospezifischer referentieller Kommunikation fähig sind. Soll heißen: Pferde können zielorientiert zu uns nonverbal sprechen, wenn sie z. B. etwas Bestimmtes von einem wollen.
Einen ausführlichen englischen Bericht über die Studie kannst du hier nachlesen ⊕.
Es gibt auch eine ähnliche Studie aus 2013 aus Norwegen. Das Ziel der Studie war es zu beweisen, dass Pferde durchaus in der Lage sind, mittels Symbolen mit dem Menschen kommunizieren zu lernen. Die Studie, die auf Englisch ist, kannst du hier nachlesen⊕.
Was diese Übung dir zeigt – und was nicht
Diese Übung zeigt dir:
- wie dein Pferd lernt
- wie es Entscheidungen trifft
- wie es mit neuen Aufgaben umgeht
Sie zeigt dir aber nicht automatisch,warum dein Pferd genau so reagiert.
Dafür braucht es den Blick auf Zusammenhänge.
Wenn du tiefer verstehen möchtest
Im Persönlichkeitstest schauen wir nicht nur auf einzelne Übungen, sondern auf wiederkehrende Muster.
Das hilft dir, Reaktionen besser einzuordnenund Übungen wie diese gezielter und fairer einzusetzen.
